Deutsche Wirtschaft vor dem Bewusstseinssprung

Deutsche Wirtschaft vor dem Bewusstseinssprung

Wöchentliche Inspirationen aus meinem neuen Buch „Change Leader inside“

Lineares Denken aus dem Zeitalter der Industrierevolution wird uns nicht den Weg weisen können, wenn wir Lösungen für exponentielle Herausforderungen in einer zirkulären Welt finden wollen. Neben gewaltigen Herausforderungen in der Ökonomie, Ökologie und im Sozialen erleben wir gleichzeitig eine enorme Entwicklung von Bewusstsein. Noch nie wurde in deutschen Unternehmen soviel geforscht wie heute. Der Wettbewerb um die besten Ideen tut uns gut und basiert auf einer Ur-Tradition abendländischer Tugend. Aufklärung, Infragestellen, Experimentieren und Lösungen entwickeln – kurz unsere Kreativität wird uns den Weg leiten bei all den Herausforderungen. Vor allem die Kreativität, die aus den Unterschieden, Dualitäten, Paradoxien und den Verschiedenheiten der Kulturen in Europa entsteht.

Wer sonst könnte mutig eine Vorreiterrolle übernehmen als gerade das auf Werte orientierte, überwiegend christlich geprägte Deutschland? Wir sind auf der Suche nach neuen Antworten und neuen Modellen. Nicht die knappen Ressourcen sind das Problem, nicht die Natur und nicht die Globalisierung, ganz im Gegenteil: sie befeuern ja erst unseren Erfindergeist! Was es jetzt braucht, ist Vertrauen und Mut für eine neue, frische, grenzenlose Freiheit im Denken. Nur das Denken alleine wird uns in Zeiten grundlegenden Paradigmen-Wandels nicht weiterhelfen können, weil die Fragen und Herausforderungen zu komplex sind. Die große Chance für uns liegt darin, dass wir unserem brillanten Hirn auch das Herz zur Seite stellen, mit dem wir insbesondere die gesunde und stimmige Richtung besser wahrnehmen können. Saint-Exupéry hatte die Bedeutung des Herzens erkannt: „Das Wesentliche sieht man nur mit dem Herzen gut.“[i] Damit war er kein Fantast.

Dieser ganzheitlichere Ansatz ist längst Bestandteil moderner Unternehmensführung, beispielsweise dort, wo sich Ansätze wie die Blue Ocean Strategy finden. Die Autoren Chan Kim und Reneé Mauborgne leben auf wundersame Weise vor, was es heißt, in Unternehmen neue Wege zu gehen. Sie postulieren: „Der beste Weg den Konkurrenzkampf zu gewinnen, ist damit aufzuhören.“ [ii] Als ich das zum ersten Mal gehört hatte, hat es mich fast umgehauen und ich war gleichermaßen begeistert wie irritiert. Wie sollte das funktionieren? Nachdem ich in den letzten sieben Jahren bei einigen Unternehmen mit diesem Ansatz arbeiten durfte, konnte ich besonders eines entdecken – es befreit das Denken! Und das ist genau das, was wir jetzt brauchen, denn längst geht es nicht mehr nur darum, „grüne“ und sozial verträgliche Lösungen zu finden, die den Wohlstand Aller weiterentwickeln, sondern es geht darum, jeden Einzelnen mitzunehmen auf die Reise. Lösungen aus der Vorstellung eines zentralen Forschungslabors wird es in Zukunft nicht mehr geben. Die neuen Antworten kommen aus der Vielfalt der Wahrnehmung, aus der Vielfalt der Bedürfnisse und dem Übernehmen der Verantwortung für die Gestaltung des Lebens. Die neue Dimension entwickelt sich dabei von einem „Es geht nur um mich“ zu einem „Es geht um uns alle“. Nach meiner Erfahrung in der Begleitung von Change Prozessen in Unternehmen ist gerade das Hochleistungsteam von Hirn und Herz für diese Aufgabe besonders geeignet, denn es vereint am besten unsere Qualitäten, um alle Menschen auf dem Weg mitzunehmen und einzubinden.

Folgen wir in Deutschland blind der Idee, die Elite aus Wirtschaft, Politik und Kultur würde es richten? Wenn wir als Gesellschaft und als Unternehmen nicht einfach alten Modellen hinterherjagen und betriebsblind sein wollen, brauchen wir das neue Bewusstsein für eine integrale Entwicklung. Das erfordert Mut, Bewusstsein und eine gehörige Portion an Integrität. Aus dem Schulbuch wird das nur schwer möglich sein, denn es sind die lebendigen Referenzen, die wundervollen, bunten aber auch schmerzhaften Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen durften, die uns die Chance bieten, an ihnen zu reifen. Erfahrungen schenken uns ein immer größer werdendes Fundament der Freude, Leichtigkeit und Integrität. Am besten werden Sie es merken, wenn Sie und Ihre Familie grundlos glücklich sind und mit einem breiten Grinsen durch den Tag gehen, während Sie gleichzeitig mit einer Vielzahl von Aufgaben betraut sind, die für Sie total Sinn machen! Die Essenz in dieser neuen Kategorie ist die Wahrnehmung dessen, was wirklich ist – nicht was wir gerne hätten. Zu viele Unternehmen halten an Zielen, Visionen und Strategien fest, die dem Paradigmen-Wandel nicht mehr gerecht werden.

Schlimmer noch, Sie wähnen sich oft in Ihrem kurzfristigen Erfolg bestätigt, weil die Gewinne gerade exorbitant sprudeln. Dem Leser der Wirtschaftslektüre sei an dieser Stelle die Deutsche Bank in Erinnerung gerufen, die in der Finanzkrise unter Josef Ackermann noch mit hervorragenden Zahlen brillierte und ohne große Skandale auskam. Kaum hatte aber der Kapitän das Schiff verlassen, jagte eine Schlagzeile die nächste um „betrügerische Praktiken“ und Rückstellungen in Millionenhöhe für laufende oder zu erwartende Prozesse. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, es geht nicht um das Bloßstellen, sondern um das Verdeutlichen einer inneren Haltung. Es geht mir um eine echte innere Berührbarkeit.

 

Wertschöpfung kommt von: aus Werten schöpfen

Und genau das brauchen wir jetzt: einen grundsoliden Kompass, mit dem wir durch die stürmischen Zeiten navigieren und achtsam neue Lösungen erarbeiten. Hier können wir kaum mehr auf Bewährtes zurückgreifen, also macht es auch keinen Sinn für uns als Führungskraft, unser Team als Animateur oder General zu führen. In dem einen Fall beginnen wir, unsere Mitarbeiter so zu manipulieren, dass sie über immer höhere Ziele springen sollen, und im anderen Fall entfalten wir ihr Potenzial nicht und müssen alles alleine schaffen, was wir natürlich nicht können und auch nicht wollen. In beiden Fällen handelt es sich nicht um geniale unternehmerische Prinzipien. Was es jetzt braucht, ist die Vernetzung von Potenzialen in einem wertschätzenden Raum.

So einen Raum können wir als Führungsperson nur dann in uns haben, wenn wir die begrenzenden und öffnenden Bewusstseinsebenen in uns selbst kennen und damit respektvoll umgehen. Anderenfalls werden wir mit der neugewonnen Freiheit unserer Mitarbeiter nicht kreativ umgehen können, sondern in ein ängstliches und kontrollierendes Verhalten zurückfallen. Damit bezögen wir uns aber auf die Illusion wir hätten alle im Griff, wogegen gleichzeitig die Mitarbeiter auch nur 70 Prozent ihrer Möglichkeiten einbrächten. Wir brauchen aber dringend von allen 100 Prozent Ihrer Möglichkeiten! Die Gefahr dabei ist, dass wir gerade in Umbruchzeiten, in denen es weder Sicherheiten noch eindeutig richtige Entscheidungen gibt, oft auf alte Programme zurückgreifen, weil wir vermeintlich „nicht anders können“.

Wenn wir aber die alten Programme stur abfahren, führen sie zu sinnlosem bis destruktivem Verhalten – ökonomisch wie sozial. Wenn uns das Vertrauen in die Kollektive Intelligenz, in das vernetze Potenzial aller fehlt, erleidet unser Unternehmen langfristig auf den globalen Märkten Schiffbruch. Unsere Mitarbeiter werden wie ein Kapital in den Human Ressource Abteilungen verwaltet und wir dürfen uns nicht wundern, dass so viele in den Burn-out kommen. Im Regelfall brennen dann die Leistungsträger in unseren Unternehmen aus, denen weder das Unternehmen, noch die Mitarbeiter egal sind. Dabei haben sie geradezu die neuen Qualitäten in sich, die es für den nächsten Schritt in Unternehmen braucht: Umsicht, Weitsicht, Sinnbezogenheit und Vision. Wir haben es selbst in der Hand, eine globale Vorreiterrolle zu übernehmen. Die Herausforderungen sind geradezu Inspirationsquellen für unser Körper-Geist-Seele-System.

Hirn und Herz – als Team – werden den Weg weisen. Dann haben wir nicht nur gesunde Unternehmen, sondern auch gesunde Mitarbeiter. Also lassen Sie uns gemeinsam erforschen, mit welcher „integralen Landkarte“ wir die Organisation der Zukunft entwickeln und entfalten können.



[i] St. Exupéry, A. de (1998): Der kleine Prinz, Karl Rauch, Düsseldorf, 1998

[ii] Mauborgne, R. und Kim, W. C. (2005): Blue Ocean Strategy: How to create uncontested market space and make competition irrelevant, Harvard Business School Press, Boston

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