Darwin missverstanden in Unternehmen? Social Brain statt Social War

Darwin missverstanden in Unternehmen? Social Brain statt Social War

Wöchentliche Inspirationen aus meinem neuen Buch „Change Leader inside“

Die Bedeutung aus neurobiologischer Sicht

Aktuelle neurobiologische Forschungen stellen das darwinistisch-biologisch geprägte Weltbild der Konkurrenz, des „War of Nature“ (Krieg der Natur), des „Struggle for Life“ (Kampf ums Überleben) sowie der Aussonderung der Schwächsten in Frage. Dabei bleibt die darwinistische Abstammungslehre unangetastet, also die Erkenntnis, dass sich Lebewesen im Verlauf vieler Generationen in unterschiedliche Richtungen weiterentwickeln und so nicht nur neue individuelle Eigenschaften, sondern auch neue Arten hervorbringen. Dies, so Darwin, setze voraus, dass ihnen die Anpassung an die äußere Welt gelinge. So weit so gut.

Anders als die bisherige, wenig hinterfragte soziobiologische Übertragung des darwinistischen Bildes vom ewigen Kampf auf den Menschen, zeigen aktuelle neurobiologische Studien, dass es die Kooperation, und nicht die Konkurrenz ist, die den Menschen antreibt. Und nachdem das Sprichwort schon sagt „der Glaube versetzt Berge“, haben wir in den letzten 150 Jahren ein Gesellschaftssystem auf einem sehr reizvollen Irrtum aufgebaut, der jetzt in seiner neoliberalen Hochkonjunktur beispielsweise an den Finanzmärkten einigen wenigen Menschen nutzt – zu Lasten der vielen anderen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte weder das Rad der technischen Errungenschaften zurückdrehen, noch dem Wettstreit der besten Ideen das Wort reden, es geht mir vielmehr darum, dass wir aus dem neuen Bewusstsein völlig neue Potenziale entfalten können. Dass ein evolutionärer Sprung in der Entwicklung der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme möglich ist, der den globalen und multidimensionalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts viel besser gerecht wird.

Joachim Bauer, Neurobiologe aus Freiburg, hat in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“ den Stand der Forschung dazu veröffentlicht. Er sagt: „Manche Länder, die neoliberale Modelle realisieren, erscheinen vordergründig als erfolgreich, allerdings nur deshalb, weil die gesellschaftlichen und menschlichen Kosten, die mit einem solchen ‚Erfolg’ verbunden sind, weder in volkswirtschaftlichen Bilanzen noch in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen. Wegen der bei näherer Betrachtung nur auf kleine Eliten beschränkten ‚Erfolge’, wurden gesellschaftliche Modelle, in denen Strukturen für Kooperation unterentwickelt sind oder fehlen, bei uns – und in anderen Ländern – groteskerweise als nachahmenswert dargestellt und auch imitiert. Das Ergebnis ist derzeit ein weltweit destruktiver Prozess, der natürliche, wirtschaftliche und menschliche Ressourcen vernichtet. Umso problematischer ist es, wenn sich solche selbstzerstörerischen Strategien auf pseudowissenschaftliche, auf Darwin basierende Denkschulen berufen können, die in der Biologie, Medizin und Gesellschaftswissenschaften stark vertreten sind und im [SB1] Wesentlichen die ideologischen Konzepte und Empfehlungen der Soziobiologie wiedergeben.“[i]

Neue Erkenntnisse zeigen: „Wir sind – aus neurobiologischer Sicht – auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen. Kern aller menschlichen Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und neu zu geben.“ schreibt Bauer. Doch worauf basiert diese Erkenntnis? Es sind unzählige wissenschaftliche Studien weltweit, die das Gesamt-Motivationssystem des Menschen neurobiologisch erforschen. Es gibt sogenannte Dopamin-, Oxytozin- und Opioide-Nervenachsen, die untereinander sehr fein kooperieren. Dopamin ist dafür verantwortlich, die Motivation aufzubauen und durch Konzentration und mentale Energie auf ein bestimmtes Ziel zuzugehen, während Oxytozin der Botenstoff ist, der spezialisiert ist auf Bindung und Vertrauen. Körpereigene Opioide wirken auf die Emotionszentren des Gehirns, haben positive Effekte auf das Ich-Gefühl und die Lebensfreude. Was heißt das? Der Körper hat ein hochkomplexes, intelligentes, sehr fein abgestimmtes System, quasi einen „Motivationscocktail“.

 

Was heißt das für uns?

Thomas Insel, zusammen mit dem Hirnforscher Russell Fernald von der Stanford University, hat den Begriff des „Social Brain“ geprägt, denn, so Bauer: „Nichts aktiviert die Motivationssysteme so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung und – erst Recht – die Erfahrung von Liebe.“ Das müsste viele von uns in Führungsfunktionen zum Nachdenken anregen über die Wirkweisen unterschiedlicher Führungsstile, oder? Ganz zu schweigen von den schädlichen Negativ-Effekten mangelnder Sozialkompetenz, die reichen bis zu kompletten führungstechnischen Fehlleistungen, denken Sie bitte an Machtkampf, Mobbing & Co.

Last but not least hat gerade die Spieltheorie einen wesentlichen Beitrag zu den Erkenntnissen Kooperation vs. Konkurrenz beigetragen. Der deutsche Ökonom Reinhard Selten erhielt 1994 den Nobelpreis für die Anwendung der Spieltheorie im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Der Klassiker der Experimente in dieser Disziplin ist das Gefangenen-Dilemma. Zwei Partner haben dabei die Wahl zwischen zwei Optionen: Sie können kooperieren oder den Versuch unternehmen, den anderen zu übervorteilen. Welche Strategie erweist sich als optimal, wenn die beiden das Spiel in einer beliebig großen Zahl von Runden, das heißt „iterativ“, gegeneinander spielen? Wenn Partner auf lange Sicht, das heißt in Serie, immer wieder neu miteinander zu tun haben, ist das beste Ergebnis mit einer Strategie zu erzielen, die 1.) primär auf Kooperation setzt, die 2.) im Falle einer Nichtkooperation des Partners die weitere Kooperation verweigert („tit for tat“ genannt – „wie du mir, so ich dir“) und 3.) in gewissen Intervallen immer wieder neue Kooperations-Angebote macht. Verschiedene nicht kooperative oder auf Übervorteilung des Gegners ausgerichtete Strategien waren in diesem Erfolgskonzept ebenso unterlegen wie eine blind-vertrauensvolle Vorgehensweise, sagt Bauer.



[i] Bauer, J. (2008): Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren, Heyne, München, 6. Auflage 09/2008, S. 203-204


Einen Kommentar hinterlassen

*Pflichtfelder Bitte prüfen Sie die Pflichtfelder

*

*

MEIN NEUES EBOOK

Archiv