Was wir von Papst Franziskus über Business lernen können

Was wir von Papst Franziskus über Business lernen können

Heute morgen lese ich das Handelsblatt MorningBriefing von Gabor Steingart, wie jeden morgen und dann erreicht mich ein Artikel, der mir als „Business-man“ aus der Seele spricht. Zuerst denke ich mir, was kann man wohl im Business über einen Papst lernen. Doch dann wird mir sofort klar, dass dieser Papst das Zeug dazu hat den Wandel in der Welt wirklich zu bewirken, weil er aus einer tiefen Überzeugung wirkt. Für ihn sind Authentizität, Demut, Liebe keine Lippenbekenntnisse. Er lebt es selbst vor. Und was hat das mit dem Business zu tun?

Gabor Steingart schreibt dazu: „Das Wochenendthema ist dem neuen Papst gewidmet, jenem Mann, der die Füße von Straftätern wäscht, der vor dem Petersdom einem unheilbar kranken Warzenmann das Gesicht streichelt, der im Aufnahmelager der Insel Lampedusa vor einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ warnt. Was können wir Menschen der Wirtschaft von diesem Mann lernen, fragt Titelautor Thomas Tuma. Ihn selbst jedenfalls hat die Beschäftigung mit Franziskus berührt: „Der Papst“, sagt er, „verkörpert nicht nur Glauben, sondern Glaubwürdigkeit.“

Wenn wir im 21. Jahrhundert wirklich wirksam werden wollen, als Unternehmer, als Angestellte, als Vorstand oder als „Putzfrau“ dann kann es besonders gut gehen, wenn wir aus unserem Inneren wirken.

„Die Sieben Offenbarungen“ von Thomas Tuma – Handelsblatt Nr 076 vom 17.4.2014 Seite 056

Regel 1: Zeige Demut und Bescheidenheit!

Franziskus ist kaum im Amt, da er- setzt er die roten Papstschuhe durch schwarze Gesundheitstreter wie aus dem Mephisto-Outletstore, fährt Bus statt Papamobil und bleibt im Gäste- haus des Vatikans wohnen, um zu zeigen: Moderne Führung reiht sich ein. Und das predigt ausgerechnet jener Chef, der schon qua Amt für unfehlbar gehalten werden muss.

Regel 2: Nimm die Basis mit!

Noch vor dem Empfang der Vatikan-Botschafter feiert Franziskus eine Messe für die Putzfrauen, Gärtner und andere Ange- stellte seiner neuen Heimat. Solche Gesten kommen nicht nur intern gut an. Wer derlei für billige Symbolik hält, hat dessen Sinn und die sich daraus bisweilen entfaltende Wucht nicht verstanden. Und wer könnte sich auf die Kraft der Zeichen besser verstehen als das Traditionsunternehmen Kirche?

Regel 3: Demonstriere Transparenz und Toleranz!

Schon am 14. März vergangenen Jahres ließ Franziskus einen alten Volksaltar in die Sixtinische Kapelle zu- rückbringen, der es ihm erlaubt, die Messe dem Volk zugewandt zu zelebrieren. Und er will als Seelsorger wahrgenommen werden, der auch auf jene Randgruppen zugeht, die seiner Kirche lange eher verdächtig waren: Frauen, Homosexuelle etc.

Zu Kranken und Aussätzigen hatte sein Unternehmen schon früher keine Berührungsängste, Franziskus aber inszeniert auch diese Begegnungen nun perfekt, also ohne sie zu inszenieren: Im November geht er auf dem Petersplatz auf den von Narben und Warzen entstellten Vinicio Riva zu und umarmt ihn mi- nutenlang herzlich. Zwei vermeintlich Unberührbare ohne Berührungsängste. Die Bilder gehen um die Welt und begeistern, ähnlich wie ein anderes Motiv:

Regel 4: Gib Fehler zu!

Ende März sieht man den Papst im Petersdom knien, ein Priester nimmt ihm die Beichte ab. Der Unfehlbare gesteht Fehlbarkeit. Kurz darauf bittet er öffentlich um Vergebung für all die Missbrauchsfälle, für die Priester der katholischen Kirche in der Vergangenheit verantwortlich waren. Stark ist nur, wer Schwäche zulässt. Aber auch das allein würde nicht rei- chen, denn es gilt eben auch …

Regel 5: Zeige Härte, wo nötig!

Die für Korruption, Geldwäsche und undurch- sichtige Finanzgeschäfte Verantwortlichen der Vatikanbank wirft Franziskus kurzerhand raus. Das Istituto per le Opere di Religione (Institut für die reli- giösen Werke, kurz: IOR) war in mehr Skandale verwickelt als die meisten weltlichen Geldhäuser. Selbst der Ban- kenaufsicht wurde es irgendwann zu dumm, weil sich das IOR partout nicht an EU-Regeln gegen Geldwäsche halten wollte. Kurzerhand wurde der Kredit- kartenverkehr der Bank gestoppt. Sei- nen Plan, das Institut ganz abzustoßen, verwirft Franziskus indes wieder.

Dafür suspendiert er endgültig den Limburger „Protz-Bischof “ Franz-Peter Tebartz-van Elst. Dessen nicht enden wollende Affäre um den Ausbau seines Bischofssitzes mag vom Vatikan aus betrachtet ein kleines Problem sein. Aber es hält immerhin eine der wichtigsten Regionen in der entwickelten Welt in Atem. Vor allem: Tebartz-van Elst steht für genau jene Probleme, denen der Papst den Kampf angesagt hat, womit wir bei der wichtigsten Führungsregel sind.

Regel 6: Definiere einen Gegner und ein Ziel!

„Er hatte von Beginn seiner Bekehrung an eine besondere Verachtung gegen das Geld, und er schärfte denen, die ihm nachfolgen wollten, immer wieder ein, sie sollten es fliehen wie den leibhaftigen Teufel.“ Der Text ist fast 800 Jahre alt und stammt von Thomas von Celano, Weggefährte und Biograf von Franz von Assisi. Celano weiter: „Den klugen Rat gab er den Seinen, Kot und Geld mit ein und demselben Gewichte der Wertschätzung zu wiegen.“ Geld stinkt eben doch, ein beliebtes Thema von damals bis in die Psychoanalyse ei- nes Sigmund Freud hinein.

Bevor Franziskus sich dieser vermeintlichen Quelle allen irdischen Übels konkret nähert, besucht er die Opfer des Geldes: Seine erste Fernreise als Papst führt nicht etwa in eine der Boomregionen katholischer Missionsarbeit. Im Juli landet er auf der Insel Lampedusa im Aufnahmelager afrikanischer Flüchtlinge und kritisiert eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“.

In Rio de Janeiro ruft er beim Weltjugendtag von einer Favela aus dazu auf, soziale Grenzen zu überwinden. Anfang Oktober besucht er zu dessen katholi- schem Festtag den Geburtsort Franz von Assisis, dem er ja nicht nur seinen Papstnamen verdankt, sondern eben auch eine Philosophie der Armut und Demut vor der Schöpfung. Heute wäre der heilige Franz vielleicht bei Green- peace oder Attac. Sein großer Fan Franziskus jedenfalls gehört selbst dem Jesuitenorden an, der sich einem beschei- denen Lebensstil verpflichtet fühlt (…) In Deutschland weiß der Pontifex mit seiner scharfen Kritik die etablierte Manufactum-Bourgeoisie ebenso hinter sich wie die Generation Y, wenn er schreibt: „Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichtemacht.“ Die antike Anbetung des Goldenen Kalbs habe ihre aktuelle Entsprechung im „Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel“. Das unterschreiben mittlerweile sogar burnout- gefährdete Wall-Street-Banker.

Es ist auch nicht wirklich Antikapitalismus, der Franziskus antreibt, obwohl seine Erfahrungen als Seelsorger in den Elendsvierteln seiner argentinischen Heimat tief in ihm verwurzelt sind: „Der Papst liebt alle, Reiche und Arme“, stellt er klar. „Doch im Namen Christi hat er die Pflicht, daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müssen.“

Regel 7: Übertreib’s nicht!

Wer die Evolution vorantreiben will, muss eine Revolution ankündigen. Natürlich hat sich außer Stimmung und Image noch nicht allzu viel verändert im Kern der katholischen Kirche. Der Eilige Vater stürmt zwar mit einem Lächeln voran, nimmt dabei aber allenfalls einen Teil seiner Kurie mit. Die Beharrungs-kräfte in Rom sind groß, die Signale widersprüchlich. Zölibat und Sexualmoral bleiben unangetastet, die Homo-Ehe will auch Franziskus auf keinen Fall. Die Ökumene wartet noch auf neue Impulse. Und die Vatikanbank darf weiter ihre Milliarden verwalten, wenngleich unter neuen, scharfen Auflagen. Was also kann Franziskus am Ende wirklich erreichen, und was will er überhaupt?

„Es wird uns guttun, wenn wir uns die Frage stellen: Wer bin ich?“, sagte er jüngst zum Auftakt der Karwoche. Rund 100 000 Menschen nahmen an dem Gottesdienst teil. Franziskus trug einen neuen, schlichten Kreuzstab aus Olivenholz, von Häftlingen aus San Remo geschnitzt.

Er hat zwar Hungrige gespeist, Fremde beherbergt, Kranke gepflegt und Ge- fangene besucht, wie es die „Sieben Werke der Barmherzigkeit“ fordern. Aber die größte Aufgabe, die Reform seines eigenen Kirchenkonzerns, steht ihm noch bevor. Nur: Wie baut man einen solchen Moloch um?

Und ausgerechnet da kann der Papst von jener Wirtschaft lernen, der er in sei- nem „Evangelii Gaudium“ vorwirft, mit der Ethik auch Gott verloren zu haben. Viele große Unternehmen haben in den vergangenen Jahren ebenso schmerzhafte wie erfolgreiche Transformationsprozesse hinter sich gebracht. Und viele haben geschafft, was der Vatikan bislang nur als Verheißung wie eine Monstranz vor sich her trägt: Erneuerung.

Franziskus hat erst begonnen. Er ist auf einem guten Weg. In Gottes Namen.

Photo by Agencia Brazil

 

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